Das Ende der Glühbirne: Schluss mit der Seele (aus der HAZ vom 26.12.2008)

11.01.2009 - Die Glühbirne soll abgeschafft werden. Damit übernimmt die EU die Lichtregie unserer Privatsphäre. Warum eigentlich?

Das war`s: Ab September kommenden Jahres sollen der Glühbirne die Lichter ausgehen. Früher nannte man den Glühfaden einer Glühbirne die "Seele". Die älteste dieser Seelen leuchtet im Feuerwehrhaus von Livermore in Kalifornien. Vor 107 Jahren wurde sie in die Fassung geschraubt und nur einmal entfernt - einen Umzug mit 75 Jahren überstand die Kohlefadenbirne mit Polizeieskorte. Mittlerweile brennt sie, einst als Notlicht installiert, schon 900.000 Stunden.

Ausgerechnet in Kalifornien begann aber vor einem Jahr, was nun auch die EU durchsetzen will: die Abschaffung der Glühbirne. Gouverneur Arnold Schwarzenegger kündigte das Verbot an, auf der anderen Seite des Pazifik folgte umgehend Australien. Ab 2010 dürfen dort nur noch Energiesparlampen verkauft werden. Der Grund ist erst mal einleuchtend: Glühbirnen verwandeln nur fünf bis elf Prozent der Energie in sichtbares Licht, den Rest in Wärme.

Allerdings bleiben mit diesen Daten 99 Prozent eines Vorgangs unterbelichtet, der unsere Privatsphäre mehr betrifft, als das je eine Maßnahme für den Umweltschutz getan hat. Vor vier Wochen beschloss ein Ausschuss in Brüssel, den Bürgern Europas vorzuschreiben, welche Art von Leuchten sie bei sich zu Hause in die Fassung drehen sollen. So wird das aber nicht formuliert.

Geplant ist ein sanftes Würgehalsband: Von September 2009 an sollen Birnen mit mehr als 100 Watt aus dem Handel genommen werden, Anfang 2010 alle mit mehr als 40 Watt, zwei Jahre später die restlichen. Wenn Staaten und Parlament der EU keine Einwände erheben, wird der Beschluss im Frühjahr in Kraft gesetzt. Da sind die Tage wieder länger und die Glühbirnen nebensächlicher. Dann erregt das kein Aufsehen.

Selbst wenn die Energieeinsparung durch die runderneuerte Privatbeleuchtung sämtlicher Erdenbewohner den Angaben der frohlockenden Lichtindustrie entspräche, beträfe das nicht mal ein Prozent des weltweiten Stromverbrauchs. Gut 18 Prozent schlucken dafür die Lichter in Büros, Fabriken und an Straßen, bei denen sich das Sparen wirklich lohnt: Straßenbeleuchtung mit Energiesparlampen erspart pro Jahr und Kilometer der Luft fünf Tonnen Kohlendioxid und der Stadtkasse 1300 Euro - in einer Modellrechnung. Bei dieser Größenordnung scheint die (teure) Umrüstung sinnvoll.

Aber warum sollen neben Kommunen und Betrieben auch Privatverbraucher in ein Licht genötigt werden, das bislang vor allem durch ungemütliche Kälte aufgefallen ist? Sonnenkollektoren auf den Dächern sind nach wie vor Raritäten, unverdrossen werden Autobahnen verbreitert, über die Geländewagen, Vierzigtonner und andere Spritfresser donnern - aber die Lichtregie im Wohnzimmer lässt sich offenbar mit Lichtgeschwindigkeit umpolen, trotz minimaler Effizienz. Wir sind ja flexibel. Wir verstellen brav die Uhren für eine Sommerzeit, deren Nutzen nie nachgewiesen wurde, bezahlen die Abschaffung der Telefonzellen per Handyrechnung, lassen uns im Flughafen zwischen die Beine greifen und beim Bahnfahren abzocken.

Wir leben in einem Umbruchstempo, dem private und kulturelle Konstanten im Weg sind - und umso wichtiger werden. Glühbirnen gehören dazu. Sie sind seit 120 Jahren im Einsatz. Das macht sie nicht altmodisch, sondern prägend. Wobei selbst die jetzt verwendeten Birnen schon von Effizienzmanagern konditioniert sind, nur nicht für den Umweltschutz. Früher wurden Birnen älter als 1000 Stunden, in China brennen sie noch heute 5000 Stunden lang.

Im Westen aber taten sich 1924, so hat es der Kulturwissenschaftler Markus Krajewski erforscht, "die führenden Elektrotechnikfirmen der ebenso führenden Industrienationen zu einem (…) weltumspannenden Kartell mit einer bis zur Undurchdringlichkeit komplexen Organisationsstruktur zusammen." "Phoebus" hieß poetisch diese Aktiengesellgesellschaft mit Sitz in der kartellfreundlichen Schweiz.

Ein wesentliches "Phoebus"-Ziel war es, die Lebensdauer jeder Normalbirne umsatzfördernd auf 1000 Stunden zu begrenzen. Mit Erfolg. Das Kartell gibt es offiziell nicht mehr, wohl aber seine Firmen und die Qualitätsnorm, die eine Brenndauer von 1000 Stunden festsetzt. In der DDR hingegen produzierte das Berliner Narva-Werk eine 2500-Stunden-Birne. Ein Westberliner Erfinder, der nach der Wende diese Firma übernehmen wollte, plante sogar 150.000-Stunden-Birnen. Doch Dieter Binninger starb bei einem Flugzeugabsturz, ehe etwas daraus wurde.

Das passt in die paranoide Welt, die Thomas Pynchon 1973 in seinem Roman "Die Enden der Parabel" entfaltet: Da ist das Lichtkartell "Phoebus" auf der Jagd nach "Byron", einer unsterblichen Birne: "Das Komitee für Leuchtanomalien setzt einen Zerschläger nach Berlin in Marsch."

In Wirklichkeit haben die Lichtmacher die Energiesparlampe in Marsch gesetzt. "Wir sind mit vielen Regierungen in Diskussionen", erklärte 2007 ein Philipps-Vorstandschef. Von den Leuchtanomalien der Energiesparlampen ist da nicht die Rede, umso mehr bei privaten Verbraucherinitiativen wie der "Bürgerwelle Schweiz" (auch den Eidgenossen soll die Glühbirne verboten werden). Bei www.buergerwelle-schweiz.org erfährt man etwa, dass die Sparlampen durch ihre Elektronik die Grenzwerte für Elektrosmog um das 10- bis 40-fache überschreiten. Und nicht nur das bereitet Kopfschmerzen.

Die Farbwiedergabe lässt sich zwar dem Glühbirnenspektrum annähern, doch das Spektrum entsteht nicht kontinuierlich, sondern mit Zacken und so hohem Blauanteil, dass Mediziner mit hormonellen Störungen rechnen. Die Zeitschrift "Öko-Test" hat im Oktober einen geradezu verheerenden Befund auf sechzehn Seiten abgegeben. Selbst die Lebensdauer, mit der sich die Hersteller brüsten wie einst bei der Einführung der Glühbirne, hält sich in Grenzen, denn die Leuchtstoffröhrchen vertragen kein häufiges An- und Ausschalten. "Wenn solche Leuchten am Tag etwa 20-mal geschaltet werden - was in Fluren, Treppenhäusern, Toiletten durchaus realistisch ist -, dann halten sie gerade mal ein Jahr durch." Und sind dann Sondermüll. Da fragt man sich schon, mit welchen Gründen ein EU-Ausschuss uns in die Lampenschale greift.

von Volker Hagedorn

aus: Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) Veröffentlicht am 26.12.2008 20:44 Uhr

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