"Was kann das für eine Technologie sein, die so viele Menschen unglücklich macht?"
23.11.2005 - Professor Wassilij Borisowitsch Nesterenko vom Institut für Strahlensicherheit in Weißrussland berichtete im Grünen Zentrum Hannover über die Folgen der Tschernobyl Katastrophe und seine Arbeit zur Hilfe der Strahlenopfer.
Prof. Nesterenko erzählt über die Folgen der Katastrophe
Über 60 Menschen hatten sich am Mittwochabend im Keller des Grünen Zentrums Hannover eingefunden um den Vortrag des weißrussischen Atomexperten Prof. Nesterenko über seine Erfahrungen mit der Tschernobyl-Katastrophe anzuhören.
Prof. Nesterenko, vor der Tschernobyl-Katastrophe ein begeisterter Verfechter der Atomkraft, berichtete zuerst darüber, wie er selber den Unfall erlebt hat. Er schilderte uns seinen Sinneswandel, "Ich habe mich gefragt: Was kann das für eine Technologie sein, die so viele Menschen unglücklich macht?" Er selbst wurde Opfer der Strahlen, als er Forschungen über dem brennenden Reaktor unmittelbar nach der Katastrophe machte, "Zur Zeit des Unfalls hatte ich eine sportliche Figur, wog gut 80 Kilo, einen Monat später lag ich mit 61 Kilo im Krankenhaus."
Danach erklärte uns Professor Nesterenko, wie genau der Unfall vonstatten ging und wie es fast noch zu einer zweiten größeren Explosion des ganzen Reaktors kam. Diese Explosion hätte im Umkreis von 200 Kilometern alles zerstört. Die sowjetische Regierung habe viele Fehler begangen, unmittelbar nach dem Unglück. Die Zivilbevölkerung sei nicht genügend aufgeklärt worden und hätte die nötigen Medikamente zu spät oder gar nicht bekommen.
Nach dem Unglück hatte Prof. Nesterenko eine neue Lebensaufgabe, er wollte seine Fähigkeiten und sein Wissen zum Schutz der Bevölkerung einsetzen. In seinem Vortrag berichtete er uns über seine Arbeit in den russischen Dörfern, über die Bevölkerung, die lange Zeit stark verstrahlte Milch trank, weil sie nichts über die Gefahr wusste, über die 1300 Kinder die bis heute an der Schilddrüse operiert werden mussten. "Nur noch jedes zehnte Kind ist völlig gesund" war die erschreckende Bilanz.
Publikum im Keller des Grünen Zentrums
Erstaunlich war auch, dass Prof. Nesterenko ganz andere Zahlen vorlegte, als die offizielle Atomenergiebehörde. Viele Zahlen der internationalen Organisationen seien schlicht falsch, erklärte er uns. Auch die neue Generation der Atomkraftwerke kam nicht gut weg in seinem Beitrag. In jedem Atomkraftwerk gäbe es durchschnittlich einen Störfall pro Jahr, "Nur ein abgeschaltetes Atomkraftwerk ist ein wirklich sicheres Atomkraftwerk" . Mit diesem Satz erntete er Beifall.
Nach knapp 2 Stunden Vortrag, der das Publikum geschafft hatte, ging er dann nach einer kurzen Pause noch auf weitere Fragen ein, vor allem die falschen Zahlen der Atomenergiebehörde und die Unsicherheit der europäischen Atomkraftwerke wurden nocheinmal heftigst debattiert.
Der Vortrag hat uns also alle noch ein Stück schlauer gemacht, vor allem wegen der Berichte über die Arbeit vor Ort und der erschreckend anderen Zahlen des Professors hat sich der Abend gelohnt. Es zeigt, dass Tschernobyl längst noch nicht Vergangenheit ist.











